(V)Erkaufte ...


 Nachdenken, Verändern, Leben
 Für Dich und Deinen Hund!

(V)erkaufte Aufmerksamkeit

Manchmal sitzt meine kleine Dackel-Nele neben mir, brummelt kurz vor sich hin und schaut mich mit großen Kulleraugen an. „Ich möchte bitte bei Dir sein!“ bedeutet dieses Brummeln übersetzt in Menschensprache!
Der Bitte nach dieser kleinen Streichel- und Kuscheleinheit komme ich gerne nach. So hat jeder meiner Hunde seine Eigenheit, ab und an sein Bedürfnis nach unmittelbarer Nähe mitzuteilen!
Nele brummelt wie beschrieben, Schäferhündin Jari steckt ihren Kopf unter meinem Arm, der große Schäfirüde Watzi streift mich sanft, schleckt und/oder zeigt seinen Bäucher zum Kraulen, und der kleine Dackeltimmi tippelt um meine Beine und kuschelt sich, nachdem ich ihn hochgehoben habe, kurzzeitig ganz dicht an. Danach will er wieder hinunter und seiner Wege gehen! Das Ganze passiert eher sporadisch. Als meine „Wächter“ erinnern mich meine Hunde oft daran, dass auch ich mir mal wieder Zeit nehmen sollte, Zeit der Ruhe, des Insichgehens und des intensiven Beisammenseins. Körperliche Nähe und Kuschelei gehören einfach dazu.
In Momenten, wo ich eigentlich zu tun habe, nehme ich mir die Zeit für diese wertvollen Augenblicke. Wenn es gerade unmöglich ist, bitte ich um ein klein wenig Geduld und sie wird mir gewährt.

In diesem Zusammenhang höre und lese ich oft diesen Satz:
Die wollen doch nur Aufmerksamkeit!

In der Beziehung zwischen Lebewesen, so auch zwischen Mensch und Hund, kann der Begriff der Aufmerksamkeit für beide Seiten angewendet werden – Mensch auf Hund und Hund auf Mensch. Ob gleichermaßen sei einmal dahingestellt. Ich weiß durch jahrelanges Zusammenleben mit Hunden, dass sie uns sehr wohl ihre Aufmerksamkeit schenken und dass mit einer Dauer und Intensität, die weitaus über die unsere hinausgeht!

Wikipedia schreibt allgemein:
Aufmerksamkeit ist die Zuweisung von (beschränkten) Bewusstseinsressourcen auf Bewusstseinsinhalte, beispielsweise auf Wahrnehmungen der Umwelt oder des eigenen Verhaltens und Handelns, sowie Gedanken und Gefühle. Als Maß für die Intensität und Dauer der Aufmerksamkeit gilt die Konzentration (Bleuler 1916/1983).

Achtsamkeit (engl. mindfulness) kann als Form der Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit einem besonderen Wahrnehmungs- und Bewusstseinszustand verstanden werden.

Achtsamkeit, man kann auch von innerer Aufmerksamkeit sprechen, scheint mir in diesem Zusammenhang sehr wichtig, definiert sie doch eine tiefere Form der Aufmerksamkeit sich selbst und seiner Umgebung gegenüber.
Achtsam zu sein bedeutet wertfrei seine Wahrnehmung und seine Sinne zu schulen - sehen, riechen, schmecken, hören, fühlen. Wer achtsam ist, erkennt Neues sowie Veränderungen – bei sich selbst, in seiner Umgebung und bei (in) seinem gegenüber.

Die Achtsamkeit ist wie die Intuition jedem Menschen angeboren. Kleinkinder nutzen intensiv diese Fähigkeit des achtsam seins, denn von Natur aus öffnet ihre Achtsamkeit ihnen das weite Tor des sozialen Lernens (Siehe „Soziales Lernen“).
Der Mensch kann auf der Basis seiner Achtsamkeit emotionale und soziale Kompetenzen entwickeln. Die Natur stellt von Beginn an also lebensnotwendige Weichen.

Irgendwann zwischen Kindergartenalter und Schule dann tritt an Stelle der Achtsamkeit, also der inneren Aufmerksamkeit, eine ständig wechselnde Aufmerksamkeit mit einem hohen Anspruch an momentaner Konzentration. Der ständige Wechsel ist zumeist bedingt durch Unmengen von medialen Reizen, wie Computer, Fernsehen, Medien und Meinungen anderer und die Folgen daraus, das haben oder machen zu wollen, was gerade gehört oder gesehen wurde – was modern, was „Inn“ ist. Die so erkaufte Aufmerksamkeit hält solange, bis der geweckte Bedarf (durch Konsum) befriedigt ist oder bis ein neuer Bedarf geweckt ist, der den alten quasi ablöst. Der Umstand, dass das durchgeplante Familienleben sich heute fernab der wirklichen Natur und sozialer Interaktionen abspielt macht Kinder ganz besonders anfällig für derartige Reize.

Der Mensch wächst zum abhängigen Konsumenten von Dingen, Medien und Meinungen - er verkauft seine Aufmerksamkeit!

Die Prämisse für einen florierenden Konsum ist die Schaffung von künstlichen Bedürfnissen! Dahinter zurück bleiben die Grundbedürfnisse, Werte und Normen die ein soziales Menschenleben ausmachen – darunter die Achtsamkeit sich selbst und seiner Umwelt gegenüber.

Kinder lernen aus konkreten Alltagserfahrungen – Zuschauen und Zuhören genügen ihnen nicht.
Eine Familie, in der gemeinsam geschafft, gestaltet, erfahren und gekümmert wird sowie die pure Natur -  Erde, Wasser, Wind, Wald, Wiese uvm. sind die anregendsten Lernumgebungen für die Schulung der eigenen Achtsamkeit. In einem medialen und durch Konsum geprägten Umfeld allerdings bleibt (nicht nur) den Kindern diese anregende Umgebung verwehrt.

Hunde als naturverbundene soziale Wesen verfügen ebenfalls über die Fähigkeit des achtsam seins. Ich fürchte allerdings, dass der Mensch mit zunehmender Konditionierung und Mechanisierung der uns umgebenden Lebewesen dem Hund auch diese wunderbare Fähigkeit nehmen kann …
Zu Trainings – und Beschäftigungszwecken wird eine hohe Konzentration vom Hund eingefordert. Durch die in Aussichtstellung, Weckung des Bedarfes, eines Leckerlis oder eines Ballspiels avanciert der Hund zum Konsumenten. Die allgemeine Meinung, der Hund müsse regelmäßig so und so viel beschäftigt werden und die damit einhergehende weit verbreitete Überbeschäftigung der Hunde ist somit ein wahrer Bedarfsweckungspfuhl – für Dinge, die der Hund so nicht benötigt. Abhängigkeiten entstehen und lassen die Achtsamkeit verkümmern.

Kommt ein Hund in die menschliche Familie ist er so wie die Kinder auch mit allen (über)lebensnotwendigen sozialen Werten ausgestattet, wie etwa Intuition, Empathie und Achtsamkeit. Seine Jahrtausende währende Verbundenheit mit dem Menschen gibt ihm die Zuversicht, dass sein Gegenüber diese Werte genauso lebt, wie es Beiden einst in die Wiege gelegt wurde. Schließlich war die ähnliche soziale Struktur mit der Grund, dass Mensch und Hund überhaupt erst zusammenfanden. Das soziale Gefüge Familie von einst ist heute abgelöst von einer Gruppe egozentrischer Individualisten, die sich Familie nennt. Selbst die Entscheidung, einen Hund aufzunehmen ist zumeist egoistisch …Der achtsame Hund trifft auf diese egozentrische Menschen und wird um sein soziales Erbe betrogen.

Eine ungleiche Partnerschaft entsteht, in der der Hund stets bemüht ist, sich an seine Menschen zu binden und seine sozialen Werte zu leben. Er fühlt und beobachtet achtsam und bietet den Menschen die Chance, sich dieser ureigensten sozialen Werte zu erinnern.

Jeder Hundebesitzer, der eine liebevolle Bindung zu seinem Hund hat, kann genau diese Werte spüren und oft sogar beschreiben. Der Trend, nur das zu glauben und anzuwenden, was durch die Wissenschaft bewiesen wurde, lässt jedoch die Menschen häufig an ihren Gefühlen zweifeln!
Es ist für mich nicht verwunderlich, dass in Veröffentlichungen zur Hundeerziehung nur selten etwas zum Begriff der Achtsamkeit oder innerer Aufmerksamkeit zu finden ist. Alles was mit Wahrnehmung, Gefühlen und Geist des Hundes zu tun hat, ist den pragmatischen Hundeerziehern suspekt! Sie können es nicht greifen, anfassen.
Während noch vor wenigen Jahren die Wissenschaft den Tieren jegliche Gefühle absprachen, weisen heute gestandene Forscher darauf hin, dass Hunde ein Gefühlsleben ähnlich dem der Menschen besitzen. So genannte Anekdoten von Hundebesitzern über Gefühls- und Sinnesleistungen seien durchaus glaubwürdig, so die Forscher heute. Wissenschaftler suchen derzeit vermehrt nach Wegen und Möglichkeiten, diese unsichtbaren Phänomene zu entschlüsseln. Das gelingt ihnen beispielsweise durch den Nachweis von bestimmten Botenstoffen wie die so genannten Glückshormone z.B. Oxytocin oder Dopamin oder das Stresshormon Cortisol. Außerdem konnte in Studien mit Hilfe von Bildgebungsverfahren (MRT) nachgewiesen werden: wenn es um Gefühle geht  werden beim Hund gleiche emotionale Zentren angesprochen wie beim Menschen. In der Verhaltensforschung werden Versuchsabläufe hinterfragt und neu bewertet, denn der Hund müsste immer im Zusammenhang mit seinem sozialen Umfeld, der menschlichen Familie, betrachtet werden.

Hunde beobachten und fühlen aufmerksam ihre Familie. Verhaltensauffälligkeiten seitens des Hundes resultieren fast immer aus Veränderungen des Menschen und dessen Umfeld. Das können der Umzug in eine neue Wohnung sein, Familienzuwachs, die Trennung vom Partner, Streitereien innerhalb der Familie, andere Handlungsabläufe- und Zeiten bis hin zu Einstellungsänderungen sich selbst und seiner Umwelt gegenüber sein.

Seine immer währende Achtsamkeit lässt den Hund kein Detail, keine Veränderung in seiner Familie entgehen!
Sein Verhalten hängt unabdingbar mit dem Verhalten seiner Menschen zusammen
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Für das Zusammenwachsen und Sich Entwickeln eines Familienverbandes ist es enorm wichtig, dass man aufeinander achtet und sich mit Aufmerksamkeit begegnet. Die heutige schnelllebige Zeit fordert von den Menschen ein höchstes Maß an Konzentration. Moderne Techniken und Medien sowie steigende physische wie psychische Anforderungen in der Arbeitswelt verlangen des Menschen dauernde Aufmerksamkeit.
Für Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber, sei es anderen Menschen, Tieren oder gegenüber der Natur, ist kein Platz, keine Zeit, kein Bedarf - angeblich.
Unter dieser Oberflächlichkeit leiden in erster Linie die Kinder und die Hunde der Familie. Sie fühlen sich mit all ihren Bedürfnissen, Ängsten, Freuden und Anliegen nicht als vollwertiges Mitglied eines Sozialverbandes wahr genommen.
Verhaltensbiologisch betrachtet kommt für ein soziales Lebewesen die Missachtung seiner Bedürfnisse einem Ausschluss aus dem Sozialverband gleich. In der Natur wäre das für dieses Lebewesen der frühe Tod.

Ist es da verwunderlich, dass manche Kinder und Hunde mit allen Mitteln um die Aufmerksamkeit ihrer „Eltern“ kämpfen, oft sogar unter dem Motto: Lieber Strafen als gar keine Aufmerksamkeit?

Ja, der Hund will „nur“ UNSERE TIEFE EHRLICHE Aufmerksamkeit! Genau die benötigt er für ein gesundes und glückliches Hundeleben. Wir adoptieren einen Hund in unsere Familie an Kindes statt und übernehmen vom ersten Tag an die Verantwortung für ihn zu sorgen und ihn zu lieben, ihm unsere uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu schenken und ihm mit Achtsamkeit zu begegnen, sein ganzes Hundeleben lang.
Das zu ignorieren, zu überhören, zu übersehen, zu missachten, zu vernachlässigen, zu verschweigen - macht den Hund krank.
Bei den Kindern nennt man das ADHS …

Quellen: Marc Bekoff: Das Gefühlsleben der Tiere, Adam Miklosi: Hunde, Alwin Schönberger: Die einzigartige Intelligenz der Hunde, Gerald Hüther u.a. ADHS ist keine Störung, Armin Krenz: Kinder brauchen Seelenproviant uvm.
Meine größten Quellen sind meine Hunde, jahrelange Erfahrungen, mein Herz und mein Verstand!

11.09.2016, Kathrin Richter