Ein Hundeleben ...

 
 Nachdenken, Verändern, Leben
 Für Dich und Deinen Hund!

Ein Hundeleben heute - zwischen Dauerstress und Resignation
TEIL 1: Familie - Der geniale Überlebensplan der Natur

An einem schönen Nachmittag mit einem Hund auf einem Hügel zu sitzen bedeutet im Paradies zu sein, wo Nichtstun nicht Langeweile war, sondern Frieden! (Milan Kundera)

Wer wünscht es sich nicht, dieses Paradies! Oft liegt es dicht vor einem, aber man sieht es nicht! Stress, Hektik und Unzufriedenheit verschleiern den Blick! Konsumdenken lässt den Menschen vergessen, dass die Freude an den einfachen Dingen im Leben den wirklichen Frieden bringt. Die Leittragenden dieser Misere sind nicht nur die Menschen! Auch die Hunde werden um ihre (Seelen) Bedürfnisse betrogen! In einer von menschlichen Marionetten bevölkerten westlichen Wohlstandsgesellschaft wird der Hund zur funktionierenden Maschine dressiert.

War das schon immer so? Was ist aus der Familie geworden, die als erste soziale Institution die Bedürfnisse alle ihrer Mitglieder befriedigen konnte?

Ein Zeitsprung in die Domestikation, als der Wolf zum Hund wurde, liefert nachdenkenswerte erste Anhaltspunkte für eine sachliche Betrachtung!
Die Kernfrage der Domestikation ist für mich eindeutig die Frage: Warum fand ausgerechnet der Wolf den Weg zum Menschen?
Wissenschaftler erklären einleuchtend, dass dies wegen der ähnlichen Sozialstrukturen von Wolf und Mensch - wegen der Familie geschah! Es gibt gar Annahmen, dass der Mensch vom Wolf sein Sozialverhalten abschaute – eine meiner Meinung nach hoch interessante Betrachtungsweise! Der Wolf schloss sich dem Menschen an und wurde zum Hund, weil er in der menschlichen Familie ähnliche Strukturen vorfand wie sie in der Wolfsfamilie sind! Bis heute hat sich in der Familie Wolf in der Struktur der Familie nichts geändert!
Ein Wolfsrudel lebt nach individuellen Regeln. Die bestehen einerseits aus den Verhaltensregeln der Natur, die unter anderem das Überleben des Rudels sichern und andererseits sind sie bedingt durch das Umfeld, in dem das Rudel lebt. Wenn die sozialen Strukturen einer Wolfsfamilie ähnlich der der Familie Mensch ist, dann steht die Frage, ob die Wölfe in Ihrer Familie heute ebenfalls unter (Dauer) Stress leiden? Stress entsteht, wenn die momentane Situation die vorhandenen Ressourcen übersteigt!
Wann hat eine normale Wolfsfamilie im normalen Zusammenleben eigentlich Stress?
Die Jagd ruft bei den Wölfen regelmäßig die größte Stresswirkung hervor. Im Moment der Jagd ist das ein ganz normaler Vorgang, da das produzierte Adrenalin die benötigte Muskelstärke unterstützt. Eine erfolgreiche Jagd führt zur Ausschüttung von Endorphinen und der vormals negative Stress wird in ein "Hoch" verwandelt! Eine Wolfsfamilie kann von einem größeren Beutetier mehrere Tage leben, so dass sie nicht einmal jeden Tag auf die Jagd gehen müssen. Die Erlegung kleiner Beutetiere wiederum benötigt weniger Muskelstärke. Ein nächster Stressfaktor können Kämpfe innerhalb der Familie sein. Allerdings sind ernsthafte Kämpfe sehr selten – die Gefahr von Verletzten, eine Schwächung der Familie, wäre viel zu groß. Während der Läufigkeit und bei Hunger wird häufiger gestritten. Intakte Wolfsfamilien haben gegenüber Revierkonkurrenten wenig zu befürchten und müssen nur selten Ihr Revier verteidigen. Angst, ein weiterer Stressindikator, haben Wölfe nur vor wenigem! Dort, wo sie sich den Lebensraum mit Bären, den Grizzlys, teilen ist eine gewissen Vorsicht geboten. Auch dem Menschen gegenüber wohnt dem Wolf eine gewisse Scheu inne! Die Läufigkeit der Wölfin einmal im Jahr kann eine Wolfsfamilie ebenfalls unter Stress setzen - einmal im Jahr für einige Tage.
Das Stresslevel in einer Wolfsfamilie ist angepasst und wird sehr niedrig gehalten.
Wölfe machen sich also wenig Stress! Wölfe verfügen über genügend Ressourcen, um stressige Situationen ohne Schaden zu überstehen.
Woher aber nun nehmen sie diese Ressourcen? Reicht es, genug zu essen zu haben, in einem gesicherten Revier unterwegs zu sein und sich einmal im Jahr fortzupflanzen? Nein, das reicht bei weitem nicht! Die Ressourcen, von denen die Wölfe zehren können sind befriedigte Grundbedürfnisse.
Die Grundbedürfnisse sind die Gesamtheit der (über) lebensnotwendigen körperlichen und seelischen Anforderungen eines Individuums.
Diese Grundbedürfnisse gehen weit über körperliche Bedürfnisse wie Nahrung, Schlafen und Fortpflanzung hinaus. Seelische Grundbedürfnisse gehören ebenfalls dazu! Zu diesen seelischen Grundbedürfnissen gehören: Respekt, Neugierde, Gefühle, Erfahrungsräume, Mitsprache, Intimität, Bewegung, Sicherheit, Vertrauen, Liebe, Ruhe und Gewaltfreiheit erleben und erfahren.
Schon lange ist bekannt, dass Tiere fühlen - ähnlich dem Menschen. Also dürfte es nicht verwunderlich sein, dass auch in einer Wolfsfamilie derartige Bedürfnisse existieren! Wie eine Wolfsfamilie mit seelischen Grundbedürfnissen umgeht kann man gut beobachten. Entweder hat man das Glück und darf einige Zeit mit ihnen leben oder man schaut sich Filmmaterial von Menschen an, die genau dieses Glück hatten! Was zeigen uns diese Filme? Wolfsfamilien, die einander respektieren, Zuneigung zeigen, füreinander sorgen. Besonders der liebevolle Umgang mit dem Nachwuchs ist immer wieder zu spüren. Welpen versetzen eine Wolfsfamilie in helle freudige Aufregung. Die Freude und Ungezwungenheit der Welpen überträgt sich auf die ganze Familie! Nicht nur Welpen spielen miteinander. Jim und Jamie Dutcher, die 6 Jahre mit Wölfen in den Sawtooth Mountains in Idaho lebten, berichten gar, dass Wölfe des Nachts fange spielen! Wölfe haben keine Langeweile! Die seelischen Grundbedürfnisse finden in einer Wolfsfamilie Beachtung und werden erfüllt! Das ist der Grund für den niedrigen und ausgeglichenen Stresshaushalt in einer Wolfsfamilie!

Wie sieht es nun aus in der hoch entwickelten Familie Mensch der westlichen Welt von heute, in der Mensch und Hund zu Hause sind?
Gibt es noch so viele Gemeinsamkeiten in den sozialen Familienstrukturen wie damals, zu Zeiten der Domestikation?
Die menschlichen Familien sind heute deutlich kleiner als früher. Das gesellschaftliche Leitbild ist eine ungebundene Lebensführung für beide Geschlechter. Junge Erwachsene verlassen das Elternhaus um dorthin zu ziehen, wo sie Arbeit finden. Die Karriere steht an erster Stelle. Der Trend geht beim Nachwuchs, wenn überhaupt, hin zu nur einem Kind und dieses Kind wird meist erst dann geboren, wenn bei den Frauen die biologische Uhr tickt, also erst mit über 30 Jahren! Die Kinder werden in eine scheinbar heile Welt geboren, wobei heile Welt in erster Linie ein heiler materieller Status bedeutet. Schicke Wohnung, Familienauto und natürlich ein gesicherter Job. Dieser Status erhält Vorrang vor einer sozial stabilen Familienkonstellation. Erwiesenermaßen wächst eine Familie stabil zusammen, indem sie gemeinsam Probleme und Aufgaben bewältigt, Interessen und Erlebnisse teilt, sich gemeinsam ein eigenes Leben aufbaut! Kommt es heute zur Familiengründung möchte jeder Partner seine Individualität behalten. Den Kindern wird eine perfekte Welt gezeigt, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Ehen brechen oft an der mangelnden Konfliktfähigkeit der Partner auseinander.
Ein jeder verteidigt seine Individualität und zeigt wenig Rücksicht auf den anderen.

Die Stabilitätsgrundlage Liebe und Emotionalität verliert ihre Bedeutung! Es wird viel über Liebe gesprochen, aber nur wenige sind bereit, ihr egozentrisches Denken aufzugeben und für die Liebe auch Opfer zu bringen! Der Zusammenhalt auf der Basis emotionaler Verbundenheit kann als primäre Aufgabe nicht mehr erfüllt werden.
Dazu kommt ein ungeheurer Einfluss von Außen, dem sich der Mensch immer bereitwilliger ausliefert. Unsere Gesellschaft beherrscht ein medial bestimmtes Weltbild. Kinder erfahren und entdecken ihre Umwelt nur noch wenig selbst. Dabei werden sie durch Medien, Konsum und Werbung maßgebend beeinflusst. Mit dieser Beeinflussung leben Kinder wie Erwachsene jeden Tag. Aus dem sozialen Familienverband von einst ist ein Verbund von selbstsüchtigen Individualisten geworden, in dem sich jeder an die erste Stelle setzt. Gegenseitiges Verstehen und Rücksichtnahme, ein „Miteinander Wachsen“, bedingungslose Liebe und Vertrauen sind so nicht (mehr) möglich.

Auch wenn die Versorgung der körperlichen Grundbedürfnisse wie Nahrung, Schlafen, Fortpflanzung und Gesundheit durch einen bestimmten finanziellen Status befriedigt werden können, die seelischen Grundbedürfnisse sind nicht käuflich! Sie können nicht konsumiert werden - wie etwa einer führt es im Fernsehen vor und alle anderen machen nach - dafür gibt es keine Bedienungsanleitung! Man kann weder Respekt, Neugierde, Gefühle, Erfahrungsräume, Mitsprache, Intimität, Bewegung, Sicherheit, Vertrauen, Liebe, Ruhe noch Gewaltfreiheit trainieren - mit dem Menschen nicht und erst recht nicht mit dem Hund. Während der Mensch sich durch allerlei Tricks, schöne Worte und nicht zuletzt von materiellen Werten blenden lässt und alles glaubt, was man ihm weis machen will, ist der Hund da unbestechlich!
Hunde leben im "Hier und Jetzt" und ihre Sprache ist eine Sprache der Gefühle.

Der Hund vertraut auf seine Familie, so wie er es von seinen Ahnen in die Wiege gelegt bekam. Allerdings Ist die menschliche Familie längst nicht mehr so zuverlässig und vertrauenswürdig. Der Mensch versucht in der heutigen Zeit durch Kontrolle und Dressur, den Hund zu einer genauso funktionierenden Marionette, zu machen, wie er selbst es ist! Damit bringt er den Hund in schwere körperliche und seelische Bedrängnis. Darauf reagieren die Hunde recht schnell mit Hilflosigkeit.
Das ist ihr Ergebnis aus einer Unmenge an vergeblichen Versuchen, sich aus unangenehmen und damit unverstandenen Situationen zu befreien - die Resignation.

Uns so geht es weiter mit Teil 2:
Die Grundbedürfnisse des Hundes in der Familie Mensch sind dieselben körperlichen und seelischen Grundbedürfnisse wie in der Familie Wolf!!!
Der Mensch gibt sich alle Mühe, die körperlichen Grundbedürfnisse seines Hundes, wie Nahrung, Schlafen, Gesundheit und Fortpflanzung zu erfüllen und meint, damit dem heutigen Anspruch an „Liebe“ genüge getan zu haben! Das beste Futter kommt in des Hundes Napf, man sorgt sich offensichtlich um seine Gesundheit. Beim Ruhebedürfniss wird schon auf andere gehört, denn schließlich muss ein Hund ja so und so viel bewegt werden. Dass ein Hund ein Ruhebedürfnis von 18 Stunden und mehr hat passt in den Beschäftigungswahn, also der Hund muss so und so viel beschäftigt werden, einfach nicht hinein! Mit dem Thema Fortpflanzung gehen die Menschen ziemlich eigennützig um. Die Zucht ist zumeist des Menschen Wohlgefallen sowie dessen Geldbeutel und der aktuellen Mode untergeordnet.....


Quellen: Marc Bekoff: Das Gefühlsleben der Tiere, Jim und Jamie Dutcher: Leben mit Wölfen, Adam Miklosi: Hunde, Alwin Schönberger: Die einzigartige Intelligenz der Hunde, Anders Hallgren: Hundeprobleme-Problemhunde, Armin Krenz: Kinder brauchen Seelenproviant, Gerald Hüther: u.a. Wer glücklich ist, kauft nicht! (Video auf youtube), Almberg et al. 2015. Social living mitigates the costs of a chronic illness in a cooperative carnivore. Ecology Letters uvm.
Meine größten Quellen sind meine Hunde, jahrelange Erfahrungen, mein Herz und mein Verstand!

04.11.2015, Kathrin Richter