Jenseits ...

 
 Nachdenken, Verändern, Leben
 Für Dich und Deinen Hund!


Jenseits von Gut und Böse

Seit vielen Jahren verfolge ich die Hundeszene, als Kind, als Hundesportlerin und nun auch als Coach, Mentorin, Beraterin in Mensch+Hund Angelegenheiten, manche sagen auch Hundetrainerin, aber das bin ich nicht.

Harter Hundesport, Drill und absoluter Gehorsam durch Tritte, Schläge, Würgen – damit wurde ich schon als Kind konfrontiert. Jeden Abend wurde mit den Hunden herum exerziert – Sitz, Platz, Fuß, Brings …. Das Weinen der Tiere hörte ich weit in die Nacht hinaus. Gebrochene Hunde darben im Zwinger, wer sich da noch wehrte, für den stand ein Holzknüppel oder die Schippe bereit.

Einen eigenen Hund wollte ich nie, zu tief hatten sich die Erlebnisse in meine Seele gegraben.

 

In einer eigenen Familie änderte sich das jedoch. Als mein Sohn vor 30 Jahren geboren wurde adoptierten wir eine dreijährige Hündin. Anka lebte acht Jahre bei uns und mit dem ersten Tag in unserer Familie übernahm sie wie selbstverständlich die Aufgabe des Kindermädchens. Ich erinnere mich, dass unser Junge draußen mit seinen Treckern spielte, sich einen „Acker“ bestellte und Anka dann auf diesem „Acker“ lag und über den „Ackerierer“ wachte. Der Junge schimpfte, bestellte sich einen neuen „Acker“ und wieder das gleiche Spiel! Beide waren unzertrennlich!

Mit einem neuen Hund zog später eine ausgebildete Zuchthündin bei uns ein und wir begannen mit der Hundezucht. Parallel dazu trat ich in einen Hundesportverein ein. Zukünftig wollte ich unsere Zuchttiere selbst ausbilden, aber ganz ganz anders wie als Kind gesehen.

Die Motivation mit dem Ball/Frisbee war da das „nette“ Gegenstück zu dem harten Hundesport. Fast alles ließ sich über den Ball trainieren. Bestärkt in dem Gedanken, nun alles besser zu machen, arbeitete ich so mit meinen Hunden. Als ich dann nach fast 10 Jahren feststellte, dass ich durch diese Motivationshilfe mindestens einen Hund ballsüchtig gemacht hatte, war ich am Boden zerstört. Ich hatte gedacht, so sei es gut und richtig – meine Art der Motivation ist ja nicht „böse“ und sie fügt dem Hund keinen körperlichen Schmerz zu …
Endlich begann ich zu hinterfragen, was ein Hund wirklich möchte, warum ein Hund wirklich bei uns Menschen lebt, was ihn an uns bindet, warum er immer wieder unsere Nähe sucht, warum er bei uns sein will! Die Antworten fand ich bei gleichgesinnten Menschen in der Trainerausbildung und …. in mir selbst! Ich schaltete nach mehreren Versuchen mein Bauchgefühl (wieder) ein und hörte auf meine Intuition! Und ich erinnerte mich an Anka, mit der wir schon vor 30 Jahren ohne Training, Kommando und Sport lebten!

Zu diesen Antworten gesellen sich für mich weitere Einsichten hinzu! Nie zuvor beschäftigte sich die Wissenschaft mit dem Hund und der Mensch Hund Beziehung so sehr wie in den letzten 10 Jahren. Wir lesen Studien über Cortisol (Stresshormon) im Speichel des Hundes, es wird über Hormone und Botenstoffe diskutiert, Haplotypen (haploider Genotyp) geben Auskunft über den Ursprung des Canis lupus familaris – aber was bedeutet das letztendlich für unser Zusammenleben mit unseren Hunden? Diese analysierten und umgesetzten Erkenntnisse beweisen viel mehr, als die Menschen heute beiläufig wahr nehmen!
Was sagen uns beispielsweise folgende Forschungsergebnisse, wenn wir darüber nachdenken?

  • Mensch und Hund fanden wegen ähnlicher sozialer Familienstrukturen (Dorid Urd Feddersen Petersen,  Vilmos Csanyi)  zusammen, es wird gar vermutet, dass der Mensch sein Sozialverhalten von den Vorfahren des Hundes, den Wölfen abschaute. (Wolfgang Schleidt)
  • Tiere haben Emotionen ähnlich denen der Menschen. (Charles Darwin, Stuart Walton)
  • "...in Ermangelung einer gemeinsamen Sprache stellen Emotionen wahrscheinlich unser effektivstes Mittel zu Kommunikation über die Artengrenzen hinweg dar." (Marc Bekoff)
  • Der Hund versteht Zeigegesten (Juliane Kaminski) und die Mimik der Menschen, er reagiert auf Gemütszustände seiner Menschen. (Marie Nietzschner)
  • Der Hund kann Handlungen seiner Menschen voraussehen. (Adam Miklosi)
  • Diverse Untersuchungen, wann Hunde Stress haben: Dauerbeschäftigung¸ Trennungsangst! (Veronika Konok und Adam Miklósi)

Diese Ergebnisse sagen uns, mir:
Mensch und Hund haben eine gemeinsame Vergangenheit! Sie lernten voneinander!
Sie lassen uns über unsere egozentrische Einstellung zur Natur nachdenken!
Sie bestätigen, dass Tiere Gefühle haben und uns in intuitiven Handlungsweisen weit voraus sind!
Sie sagen uns, dass der Hund ein hochsoziales Tier ist! Er möchte mit dem Menschen in dessen Familie diese soziale Verbundenheit leben!
Sie beweisen uns, dass der Hund den Menschen versteht, ohne Kommandos und Trainings!
Sie mahnen uns, dass der Mensch gegen die Natur des Hundes handelt!

Als Coach, Mentorin, Beraterin in Mensch+Hund Angelegenheiten, manche sagen auch Hundetrainerin, aber das bin ich nicht – beobachte ich weiterhin die Hundeszene.

Ganz modern kommen Trainingsmethoden für den normalen Hund in der Familie daher, alle aufgebaut mit der so genannten positiven Bestärkung. Als reinstes Wundermittel werden verschiedenste Arten dieses Trainings mit den klingendsten Namen (Klicker, Target, Marker, Chaining, Shaping, Splitting, Do as I Do …) gegen unerwünschtes und für angemessenes Hundeverhalten sowie als hundegerechte Beschäftigungsgrundlage angepriesen.
Am Ende steht immer wieder eine Belohnung für ein Verhalten, welches in einer Familie eigentlich normal sein sollte oder eben als Motivation für eine Dressur.
Derartige Methoden finden Befürworter in Menschen, die die „harten, bösen“ Methoden ablehnen! Es ist ja so gut …und tut dem Hund körperlich nicht weh. Was für seelische Schäden damit den Hunden angetan wird, dass sieht man nicht … auf den ersten oberflächlichen Blick!
Als gescheiter Mensch stelle ich mir seit einiger Zeit immer wieder diese Fragen:

Braucht der Hund Unterordnung und Kommandos, um in einer Familie zu leben – gehört das zur Erziehung?
Braucht ein Hund eine (sportliche) Beschäftigung oder Training, um glücklich zu sein?
Ob nun positiv bestärkt oder durch Strafen erzwungen, muss ein Hund „dressiert“ werden?

Diese Fragen kann ich eindeutig mit „nein“ beantworten.

In unserer Familie leben Dackel und Schäferhunde und wir kommunizieren mit normaler Sprache und Körpersprache miteinander. Wir trainieren keine Unterordnung; Kommandos und auch sonst nichts.
Es gibt viele Freiräume und einige Tabus in unserer Familie, die wir individuell festlegen. Für die Tabus gibt es immer Gründe, die unserer eigenen Einstellung und Verantwortung gegenüber unserer Familie, unseren Hunden und unserer Umwelt entsprechen! Einflüsse von außen, unsere Hunde müssten dieses oder jenes können/müssen/machen, haben wir gelernt zu ignorieren!
Kommen Fremde zu uns, akzeptieren wir das Anmelden durch Bellen – es ersetzt unsere Klingel! Dann übernehmen wir und es ist Ruhe. Wir unterstützen unsere Hunde bei ihrem Job, das Territorium der Familie zu verteidigen! Antibelltraining oder unendliche Diskussionen über Territorialverhalten, was normales Hundeverhalten ist, gibt es bei uns nicht!
Vor Menschen, die wir und sie nicht mögen, beschützen wir unsere Hunde. Unsere Hunde müssen nicht alle anderen mögen – auch nicht alle anderen Hunde!
Wir respektieren es, wenn Menschen und Tiere Angst vor unseren Hunden haben und nehmen die Hunde dann zurück! Wir müssen der Welt nicht beweisen, was für tolle Hunde wir haben!
Gehen wir spazieren, schnuppern die Hunde ausgiebig an allem, was sie mögen! Auch das Schnuppern hinter Wildspuren ist im Sichtbereich erlaubt! Wir buddeln gemeinsam mit den Hunden nach Mäusen, spielen Fange! Antijagdtraining gibt es bei uns nicht!
Ist Wild in Sicht, an unübersichtlichen Stellen, in Straßennähe und bei Hunde- und Menschenbegegnungen werden die Hunde immer vorausschauend angeleint. Wir trainieren keine Kommandos, die die Hunde unter Kontrolle halten. Wir halten die Verbindung und geben Sicherheit mit der Leine!
Wir verbringen intensive Zeit mit unseren Hunden! Wir spielen, schmusen, kuscheln - wenn wir alle, Hund wie Mensch, Lust dazu haben! Manchmal animieren uns die Hunde zum Mitmachen und darüber freuen wir uns riesig! Wir ignorieren unsere Hunde niemals! Wir haben keinen Beschäftigungsplan!
Jeder Hund hat seinen eigenen störungsfreien Schlaf – und Ruheplatz! Diesen Platz suchen sie gerne auf, wann immer sie es wollen. Sie wissen, dort stört sie niemand. Wir respektieren das Ruhebedürfnis unserer Hunde. Wir trainieren keine „Kommando-Ruhe“ mit unseren Hunden!
Wir wissen, dass unser Verhalten und das unserer Hunde eng aneinander gekoppelt sind und verhalten uns entsprechend! Wir stellen keine unmöglichen Erwartungen an unsere Hunde!
Jedes Wort, was wir mit unseren Hunden sprechen, stimmt mit unseren Emotionen überein! Darum verstehen uns unsere Hunde  - wenn wir gut drauf sind, wenn wir wütend sind oder auch wenn wir traurig sind! Wir verhalten uns authentisch! Wir belügen unsere Hunde nicht und wir benutzen keine emotionslosen Hilfsmittel!
Wir lieben unsere Hunde! Wir behandeln sie wie fühlende Lebewesen und nicht wie Maschinen!

Ich empfinde es als äußerst prekär, das Erreichen eines unsinnigen Zieles, wie das Gleichsetzen der Erziehung mit den Kommandos Sitz, Platz, Fuß, Brings …. mit seiner „guten“ Methode zu befürworten und die „bösen“ Methoden zu verteufeln!

Das Ziel, über Dressur einen funktionierenden Hund zu erschaffen, ist und bleibt unsinnig!

Ganz heikel wird diese Zweischneidigkeit, wenn sogar Behörden im Namen des Tierschutzes Hundetrainer und Hundehalter darauf trimmen, aus dem Lebewesen Hund ein allseits zu kontrollierendes Objekt zu machen – natürlich nur positiv bestärkt – weil es ja so gut ist ….
In meiner Kindheit wurde der Hund zum Training aus dem Zwinger geholt und danach wieder eingesperrt. Heute wird der Hund durch den Menschen per Kommando angeschaltet und wenn der Mensch dann von seinem Hund genug hat, wird der Hund mit einem Kommando wieder ausgeschaltet.

Das ist der Wunsch einer hoch technisierten kranken Gesellschaft!

02.07.2015, Kathrin Richter