Kasimir und ...


 Nachdenken, Verändern, Leben
 Für Dich und Deinen Hund!

 

Ein Gastbeitrag von einer lieben Freundin

Kasimir und die Sicht der Dinge

Kasimir war knappe 6 Monate alt, als wir ihn zu uns holten.
Ein unsicheres, schwarzes Bündel Hund, hinter der Theke eines Kaffeehauses sitzend, wo man ihn abgegeben hatte.
Laut Impfpass kam er ursprünglich aus einem Tierheim in Bosnien, kein vertrauenserweckender Ort für einen Welpen. Und hier war es ihm nicht viel besser ergangen.
Die Leute, die ihn abgegeben hatten, waren angeblich seine vierten Besitzer. Sie hatten den Hund selbst nur übernommen, weil ihn die Nachbarn nicht mehr wollten. Und nun wollten auch sie ihn so schnell wie möglich los werden.
Eine Abgabe im Tierheim kostet Geld, Geld das man nicht investieren wollte und so blieb nur die Wahl zwischen der netten Kellnerin im Kaffee um die Ecke oder der nächste Laternenpfahl.
Und da saß er nun, zitternd, mit seinem Hab und Gut, das eilig in einer Plastiktasche zusammen gestopft worden war, ein Halsband, ein Ball, größer als er selbst und eine halbe Packung Frolic.

 

Zuhause angekommen, taute der junge Mann trotz seiner schlimmen Vorgeschichte rasch auf. Die beiden Junghunde in unserem Rudel hatten nicht nur ein ähnliches Schicksal, sondern waren auch im gleichen Alter. Also zeigten sie dem Neuankömmling ziemlich rasch, wie die Sache hier so läuft …… und natürlich auch jede Menge Unsinn.

Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich der kleine Kasimir zu einem wahren Vorzeige – Terrorhund.
Der Erste beim Zaun, der Ausdauerndste beim Bellen und der mit den verstopften Ohren, wenn es ums Zurückkommen geht. Ständig unter Strom, mir immer einen Schritt voraus und das immer mit Geheul und Gezeter.
Wer nachts das Schlafzimmer betritt, dem reißt das Trommelfell und wenn ich aufstehe um die anderen Hunde aus dem Garten zu rufen ist er schon unterwegs um es jedem zu erzählen.
Das Bellen stört die Nachbarn! "Die hat ihren Hund nicht im Griff!“ werde ich schief angeguckt. Jedes Bellen wird plötzlich lauter und nervenaufreibender. Selbst wenn er dösend neben mir liegt sehe ich seine Augen zucken und wie sich eins öffnet, um zu schauen ob ich noch da sitze, wo ich hin gehöre.

Einen Kontrollfreak haben wir uns da heran gezogen, immer bereit die Weltherrschaft an sich zu reißen……… oder vielleicht doch nicht?

Dominiert er uns? Will er uns kontrollieren?
 ... oder ist es die Angst die ihn treibt, all das zu verlieren was er nie zuvor besaß - eine Familie.
Einen Platz wo er hingehört, wo man ihn nicht wieder weiterreicht wie ein ungewolltes Paket. Wenn ich es mir Recht überlege, all den Ärger über die Bellerei mal außer Acht lasse, muss ich gestehen, dass Kasimir einfach alles versucht um sich einzubringen …. auf hündische Art eben. Als Hund vertreibt man nun mal Eindringlinge aus dem Revier, sichert Ressourcen und unterstützt den Chef beim Streit schlichten und Zusammen rufen.

Hunde und Menschen sind über die vielen Tausend Jahre ihrer gemeinsamen Entwicklung zusammen gewachsen.
Was anfangs eine Symbiose war wird heute mehr und mehr zur Sklaverei für den Hund!
Wir versuchen aus dem Hunde kleine Menschen zu machen, hündisches Verhalten empfinden wir oft als störend, wie etwa Kasimirs Bellerei. Aber nur weil wir es als störend empfinden, bedeutet es nicht, dass es falsch ist und unser Hund verhaltensauffällig …. wie uns viele es weiß machen möchten.

Ich bin es hier, die einfach nicht verstehen wollte oder konnte, wie gut er seine Sache doch eigentlich machte.
Ich war es, die nicht über den Tellerrand blickte und erkannte, wie sehr er sich doch anstrengte ... und weil dem eben so war, strengte Kasimir sich noch mehr an ...schneller, lauter, besser.
Je größer mein Unverständnis, desto größer mein Ärger, je größer mein Ärger, umso größer seine Unsicherheit und je größer seine Unsicherheit umso größer seine hündischen Bemühungen.
Hündische Bemühungen, denn Hunde sehen die Dinge einfach anders als wir. Da zählen Sicherheit und Vertrauen. Als Teil der Gruppe anerkannt werden, sichert das Überleben. Ein volles Bankkonto ist da nebensächlich, ebenso wie die falsche Höflichkeit der Nachbarn.
Wir haben gewagt, die Dinge aus hündischer Sicht zu betrachten und Kasimir´s Benehmen nicht als Böswilligkeit anzusehen, sondern als den verzweifelten Versuch, angenommen zu werden.
Wir haben die strengen Blicke der Nachbarn ignoriert und sind davon ausgegangen, dass es nicht in seinem Sinn ist, die Weltherrschaft an sich zu reißen.
Wir haben ihn für sein Tun gelobt und er hat kleine Jobs bekommen. Nein, kein Agility, kein Obedience und keine Unterordnung. Er darf sich ins alltägliche Leben einbringen, darf das schmutzige Handtuch zur Waschmaschine tragen und das Wurstbrot bewachen. Er darf auch das Leckerchen finden, dass unter den Teppich gerollt ist und weil er es so toll gemacht hat, darf er es auch mal behalten. Und abends darf er kurz mal allen erzählen, dass Herrchen nach Hause kommt. Nur kurz, dann wird er ausgiebig gelobt, denn schließlich hätten wir ohne ihn Papas Auto nicht gehört.

3 Wochen ist es jetzt her, dass wir beschlossen haben, unsere Sichtweise zu verrücken.
Gab es Rückschläge? Ja die gab es,  manch gut Ding braucht Weile damit es (wieder) gut wird.
Es war die einzig richtige Entscheidung und wir haben sie nicht bereut. Kasimir fühlt sich angenommen und weiß, dass wir seine Bemühungen mit Liebe und Vertrauen honorieren.
Er ist selbstsicherer geworden! Wer selbstsicher ist, der sieht die Dinge auch mal lockerer. Und wer die Dinge lockerer sieht, der muss sein Tun nicht immer lauthals in die Welt posaunen. Der weiß, was er wert ist, auch wenn er es nicht jedem erzählt.
(Das gilt übrigens auch für die Menschen!)

 31.03.2018, Andrea Krauskopf