Die

Mitleidslüge


 Nachdenken, Verändern, Leben
 Für Dich und Deinen Hund!



Gaby gezeichnet von Demodex und Mangelernährung



Gaby 6 Monate später

 

„Bedürftige wissen's am besten: das verbreitetste Mitleid ist jenes, das lieber weint als hilft.“ (Otto Weiss)

Die Mitleidslüge

Bei meinen Recherchen zu diesem Artikel fand ich in einem Online-Blog, der sich unter anderem mit der Psychologie in Helferberufen befasst, eine interessante Aussage, die ebenfalls auf viele Menschen mit (geretteten) Hunden zuzutreffen scheint:

„Viele Menschen, die mit professionellen Helfern zu tun hatten, meinen später, dass es manchen dieser Helfer auf eine verborgene Weise mehr um sich selbst ging und weniger um den anderen. Als würden diese Helfer etwas für ihre Hilfe erwarten – als sei die Hilfe doch nicht so selbstlos, wie sie zunächst daherkam. Als würden diejenigen, denen geholfen wurden, irgendwie verpflichtet.“
(Jörg Heidig, Mitleid oder Mitgefühl? Ein entscheidender Unterschied…)

Was würden wohl Hunde über ihre Retter sagen?

Auch wenn sie nicht sprechen können, gibt ihr Verhalten Auskunft darüber, in was für einer Verbindung ihr Mensch zu ihnen steht – etwa in einer selbstlos helfenden oder einer egoistisch einfordernden!

Lernt man neue Hundefreunde kennen, fällt auf, dass es ihnen sehr wichtig ist mitzuteilen, wenn sie einen Hund aus dem Ausland oder aus schlechter Haltung adoptiert haben und wie ängstlich diese Hunde doch sind.
Die Botschaft: Schaut, was für ein guter Mensch ich bin …
Viel zu viele Hunde erleiden ein schreckliches Schicksal und sind auf des Menschen wahre Hilfe angewiesen!

Warum adoptieren Menschen Hunde aus dem Tierschutz?

Bedeutet eine Adoption tatsächlich immer wahre Hilfe oder benutzt der Mensch diese angeblich so gute Tat oft nur, um sein Ego aufzupolieren?
Wie viele Menschen zelebrieren die Liebe als ihr treibendes Gefühl und wie fühlen sie tatsächlich?
Ist die Hilfe wirklich selbstlos oder erwartet sie Dankbarkeit?
Welche Rolle spielen Mitgefühl und Mitleid dabei?

Mitgefühl ist neutral und bewertet nicht

Mitgefühl ist das, was passiert, wenn man vom Schicksal des Hundes berührt wird und wenn man das, was man sieht oder hört, nachfühlen kann. Das Mitgefühl bleibt in gewisser Weise die Reaktion des helfenden Menschen und das geschilderte Schicksal bleibt das des Hundes. Man kann helfen, wenn es möglich und ein inneres Bedürfnis ist. Wirkliche Hilfe bringt die unvoreingenommene Liebe. Diese Liebe ist stark und bleibt bei sich. Sie reicht dem Hund die helfende Hand, um ihn wieder aufzurichten, nicht aber um sich von seinem Schicksal herunter ziehen zu lassen oder sich gar darin weidend.
Hilfe für den Hund findet nicht im Trösten, sondern im Annehmen und im Verständnis statt, ein Verständnis des Herzens, nicht des Verstandes. Das erlebte Schicksal wird nicht verdrängt, es wird im Herzen gefühlt statt im Kopf interpretiert. So erfährt der Hund, dass er in Ordnung ist so wie er ist.
Im Mitfühlen nimmt der Mensch das Erlebte des Hundes an „ … gerade so wie eine Mutter ihr Kind, welches sich weh getan hat, in den Arm nimmt, ohne es zu erdrücken oder es dazu zu benutzen, sich selbst im eigenen Schmerz, welches sie auf ihr Kind projiziert, zu trösten, sondern Raum lassend und gebend und zugleich haltend.“ (Taruna N. Reupsch, Mitgefühl leidet nicht)
Diese Haltung ist neutral und ganz wichtig - sie bewertet nicht!
All das gilt übrigens für das Zusammenleben und Verstehen von Lebewesen untereinander, ob Mensch oder Tier, immer und überall!

Mitleid leidet mit

Beim Mitleid hingegen leidet man mit und trägt den Schmerz und das Erlebte des Hundes in sich, oft, weil der Mensch meint zu wissen, wie der Hund sich fühlt. Mitleiden heilt nicht, sondern verstärkt das Leid, weil das Ego gerade dieses Leid braucht. Es dient der Kompensation eines Mangels an Liebe und Aufmerksamkeit. Durchschaut man dieses eigene egoistische Verhalten, erkennt man, dass Mitleid einem seine Energie nimmt und schwächt!
Somit ist man keine wirkliche Hilfe mehr sondern lässt sich in den Mitleidssumpf hineinziehen.
Im Mitleid belügt der Mensch sich selbst, seinen Gegenüber und alle, die er teilhaben lässt!
Mitleid erhebt den Anspruch, dass die Rettungstat und das danach dramatisch, schwierig, unlösbar – einfach heroisch ist. (in etwa: ich habe den Hund gerettet und nun kämpfe ich jeden Tag - für ihn - gegen seine Ängste!)
Das Retten an sich erhält durch diesen Anspruch etwas Erhabenes, Heldenhaftes. So inszeniert man seine eigene Superman-Show und erwartet Dankbarkeit vom Hund sowie Applaus von seinen Mitmenschen.

Dankbarkeit und Applaus, warum benötigt man diese Egostreichler?

Weil man mit seiner Lebenssituation unzufrieden ist, vielleicht Baustellen im eigenem Leben hat, denen man sich bisher nicht stellen wollte/konnte! Man hat sich nie selbst richtig kennen gelernt! Vielleicht hat man eines Tages beschlossen, jemand anders sein zu wollen, als man wirklich ist um unbedingt dazu gehören zu können. Es fehlte einem an Aufmerksamkeit, man selbst wurde nicht gesehen ... Deshalb manipuliert man seine Umgebung so, dass sie einem das bestätigt, was man über sich hören will!

Hunde hingegen lassen sich nicht so einfach manipulieren, sie spüren schnell den Betrug und zeigen das in ihrem Verhalten, hinter dem immer ihre seelische Gesundheit steht.
Diese eh häufig schon durch das Schicksal angeschlagene seelische Gesundheit (Ein Freund schrieb einmal über das Alter eines Tierschutzhundes: Die Zähne sagen 1 Jahr, die Augen 60 Jahre!) wird weiterhin ignoriert.
Der Mensch beharrt hier weiter auf seinen Betrug und beginnt nach schnellen Lösungen zu suchen. Entweder man greift nach der Super-Psycho-Pille für den Hund oder der wird für sein Verhalten direkt oder indirekt bestraft. Direkt durch Verbote, Ignorieren oder Ausgrenzung, indirekt durch Trainings, die das Verhalten an der Oberfläche in der Symptomatik behandeln! Hier spricht man dann natürlich nicht von Strafe sondern von (Um)Konditionierung, oft positiv bestärkt und darum für gut verkauft, das Ergebnis ist dasselbe - die eigentliche Ursache bleibt unbeachtet und die seelische Gesundheit des Hundes leidet weiter!

Der Hund als Retter seiner Menschen

Hier muss der Mensch bereit sein, sich als Ursache zu begreifen und sich selbst und seine Hunderettungsmotivation zu reflektieren und sich ehrlich hinterfragen, warum man überhaupt einen Hund in seiner Familie aufgenommen hat.
Ein erster bedeutender Schritt im Selbstfindungsprozess, der Überwindung kostet, sich aber sehr schnell als äußerst lohnend erweist, für Mensch und Hund!
Man beginnt selbst zu denken und stellt fest, wie abhängig man sich von anderen gemacht hat! Man lebt das Leben anderer nur weil man vielleicht mal dazugehören wollte. Man begreift, dass man schon lange "gesehen" wird - und zwar von seinem Hund!
Das Erkennen, Lieben und Leben des eigenen Ichs öffnet die Augen und das Herz für das Mitgefühl.
Der Hund als Lebewesen sowie sein Schicksal werden angenommen. Somit versinkt man nicht in der (Selbst)Mitleidslüge sondern mobilisiert sich zum wirklich selbstlosen mitfühlenden Helfer und Raum lassenden, gebenden und zugleich haltenden verantwortungsvollen Hundemenschen!

Es geschieht recht häufig, dass ein Hund, egal woher, seinen Menschen veranlasst, über sein bisheriges Leben nachzudenken! So wurde manch ein Hund selbst zum „Retter“ seines Menschen! Eine einmalige Chance tut sich auf, aus Fehlern zu lernen und etwas zu verändern!

Meine Retterin im schillernden Hundefell war meine Schäferhündin Jari! Unser beider Leben nahm eine Wendung, nachdem ich erkannt hatte, dass ihr Verhalten von mir, meinen Fehlern und Unzulänglichkeiten gesteuert wird.
Wenn ich heute in meinem Leben Ordnung halten kann und mit mir größtenteils (Wer ist schon perfekt?) zufrieden bin, mich annehmen kann, wie ich bin, die Natur und meine Umwelt mit allen Sinnen wahrnehme, trägt sie daran einen bedeutenden Anteil!
Wenn ich mich hier und jetzt dem Hund/dem Wolf sehr verbunden fühle und „sehe“ was unsichtbar scheint, ist es in erster Linie Jaris Verdienst.
Dafür und für noch so viel mehr bin ich ihr unendlich dankbar!

„Der Keim der Vollkommenheit in unseren Herzen muß durch Mitgefühl aktiviert werden.“ (Dalai Lama)

20.02.2018, Kathrin Richter

Quellen: Taruna N. Reupsch, Mitgefühl leidet nicht, www.vidaya.de; Jörg Heidig, Mitleid oder Mitgefühl? Ein entscheidender Unterschied…, http://blog.prozesspsychologen.de; Ingrid Strobl, Neue Studien zu einer alten Tugend, www.swr.de
Meine größten Quellen sind meine Hunde, jahrelange Erfahrungen, mein Herz und mein Verstand!