Ein Plädoyer ...


 Nachdenken, Verändern, Leben
 Für Dich und Deinen Hund!


Ein Plädoyer für das Soziale Lernen

In der Lernpsychologie versteht man unter sozialem Lernen den Erwerb und Ausbau sozialer wie emotionaler Fähigkeiten und Fertigkeiten. Dazu gehören beispielsweise die Wahrnehmungsfähigkeit, Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit, Empathie, Kooperations- und Konfliktfähigkeit.
Das Soziale Lernen ist ein lebenslanger Prozess, der sich den jeweiligen Lebens- und Umweltsituationen anpassen kann. Durch Abschauen von Handlungen, Mitfühlen von Stimmungen, Verinnerlichen von Abläufen zu verschiedensten Anlässen insbesondere in dem engen sozialen Kreis der Familie lernen die Beteiligten voneinander! Diese Form des Lernens ist den meisten Lebewesen in die Wiege gelegt, denn von Natur aus ist das voneinander und miteinander Lernen überlebenswichtig,
Eine gesunde Lernumgebung ist immer dort, wo diese sozialen Werte (vor) gelebt werden.
Diese Definition gilt für Mensch und Tier gleichermaßen!

Der ungarischer Ethologe Dr. Adam Miklosi schreibt in seinem Buch "Hunde" zum Sozialen Lernen - ich zitiere: "Wissenschaftler sind sich weitgehend einig, dass soziales Lernen je nach der Umwelt der Spezies einen Vorteil gegenüber individuellem Lernen bieten kann." (1)
Dass insbesondere Jungtiere von ihren Eltern und Geschwistern durch Abschauen lernen ist in sozialen Verbänden, Familien, Bestandteil eines natürlichen Umgangs miteinander - es wird quasi vorausgesetzt. Sie lernen im Sozialverband der Familie, genauso wie Kinder, beispielsweise durch Beobachtung Gefahren kennen ohne sich selbst zu gefährden.

Seit langem ist bekannt, dass soziale Kompetenzen wie Wahrnehmungsfähigkeit, Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit, Empathie, Kooperations- und Konfliktfähigkeit den meisten Kindern in den modernen Gesellschaften verloren gehen und mühsam neu angeeignet werden müssen. Das schließt die Fähigkeit, in einem Sozialverband zu lernen mit ein!
Die Ursache für das Einbüßen dieser Fähigkeiten liegt einerseits in veränderten Familienstrukturen. Früher erlebten Kinder mit mehreren Geschwistern eine zumeist stabile Familie, in der das Teilen, Streiten, Konkurrenz und Zuwendung als soziale Grunderfahrungen dazu gehörten. Probleme wurden gemeinsam gelöst. Über Gefühle wurde nicht viel gesprochen. Alle nahmen Rücksicht aufeinander und die Familie stand füreinander ein!

Andererseits beherrscht unsere Gesellschaft heute ein medial bestimmtes Weltbild. Kinder erfahren und entdecken ihre Umwelt nur noch wenig selbst. Dabei werden sie durch Medien, Konsum und Werbung maßgebend beeinflusst. Die Eltern fungieren als materielle Belohnungsautomaten und Terminvollstrecker. Sie fühlen sich damit voll im Trend. Der allseitige Belohnungskonsum zwingt den Menschen durch Medien und Werbung Dinge auf, die Kinder eigentlich nicht brauchen.
Das materielle Belohnungsprinzip ist zum bequemsten Motivationsmittel aufgestiegen. Eingestuft als "DIE" positive Motivation - so scheint es auch auf dem ersten Blick! Entsprechende (Schul)Leistungen, Gefälligkeiten und Arbeiten bis hin zu ganz normalem Verhalten werden belohnt!
Wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch bestätigt, dass den Kindern (Erwachsenen übrigens auch) damit der Spaß an gemeinsamer Arbeit, der Stolz auf eigens vollbrachte Leistungen (2)  und die Selbstverständlichkeit normalen Verhaltens genommen werden. Durch die Reduzierung der Leistungen auf ein materielles Niveau wird der eigene innere Antrieb manipuliert! Das Lernen aus sich selbst heraus weicht einer Abhängigkeit auf die Belohnung und die Menschen erfahren eine seelische Verkümmerung – sie selbst sind nicht mehr wichtig!
Was für ein fataler Kreislauf!

Wenn wir über Parallelen zwischen der Mensch Hund Beziehung und der Eltern Kind Beziehung sprechen dann betrachten wir doch einmal die eben genannten Aspekte aus Hundesicht.
Hunde kommen in sozial instabile medial beherrschte Familien, ihnen wird wenig Raum für das "Selbst Erfahren" der Umwelt gegeben. Die Menschen fungieren als materielle Belohnungsautomaten und Terminvollstrecker.
Das hochsoziale Individuum Hund kommt also in eine Umgebung, in der seine emotionalen und sozialen Fähigkeiten durch den Menschen mittels Belohnungsprinzip abgewöhnt werden. Betrachtet man einzelne Hunderassen ist es sogar wahrscheinlich, dass die Züchter eine Auslese in dieser Hinsicht betreiben und die fehlende Selbstständigkeit und fehlende Eigeninitiative manchem Hund schon in den Genen steckt.

Zwangsläufig drängt sich da die Erkenntnis auf, dass der Mensch fleißig dabei ist, dem Hund seine sozialen Kompetenzen abzugewöhnen, genauso wie er es bei den Kindern schon seit Jahren macht!
Der Mensch bestimmt über den Hund! Er schreibt ihm fertigte Erfahrungen vor, angefangen von Welpengruppen bis hin zu angeblich artgerechten Sportarten! Der Mensch entscheidet über des Hundes Aussehen, seine Gesundheit, seine Freunde. Eine emotionale Kommunikation wird ignoriert! Auch wenn die Wissenschaft schon längst bewiesen hat, dass Hunde ein Gefühlsleben haben, wird diese Gefühlwelt nur auf den physischen Schmerz reduziert.
Der selbstsüchtige Mensch greift in die Natur eines Lebewesens ein und formt es nach seinem Gutdünken um. Der Hund von heute wird dem Menschen von heute immer ähnlicher ....
Das fatale daran, das Lebewesen Hund wurde erst zum Hund, weil es vor tausenden von Jahren glaubte, in dem Menschen einen ebenbürtigen sozial kompetenten Gefährten gefunden zu haben.
Was für ein schändlicher Verrat!
Ein selbstständiger zuverlässiger Partner Hund, der ohne Worte weiß, was zu tun ist, ein Lehrmeister in Sachen Gefühle und Kompetenz scheint nicht mehr wichtig für das egozentrische Individuum Mensch!
Leider ist den Menschen nicht bewußt, dass sie sich damit immer weiter weg aus dem überlebenswichtigen Kreis des sozialen Lernens bewegen, sich die Chance nehmen, emotional und damit naturverbunden zu leben.

Aber selbst darauf hat der selbstsüchtige Mensch eine Antwort! Er reduziert den Lernprozess des sozialen Lernens einzig auf mechanische Abläufe.

Hunde wie auch Kinder gucken sich unsere Handlungsabläufe an und machen sie ihrer Anatomie und ihren Fähigkeiten entsprechend nach. Das ist natürlich grandios! Wer das weiß, braucht sich nicht zu wundern, warum ein Hund gerne Dinge herumträgt, die auch wir gerade in der Hand hatten oder warum ein Hund gerne den Kopf über den Tisch hat, das haben wir schließlich auch. Soziales Lernen beinhaltet so viel mehr!

Handlungsabläufe, die unseren Gefühlen und sozialen Einstellungen entspringen werden bei der Betrachtung des sozialen Lernens häufig ignoriert.

Es ist gar nicht so schwer, den Grund dafür zu finden. Vorgänge, die mechanisch nicht erklärt werden können, sind den Menschen suspekt. Begriffe wie Intuition und Bauchgefühl werden gerne gebraucht und dahergesagt wenn es um die Hunderziehung geht! Allerdings wissen die wenigsten mit diesen Begriffen wirklich etwas anzufangen, weil sie gar nicht mehr in der Lage sind, intuitiv zu handeln und dem Bauchgefühl zu folgen.
Die Intuition ist ein angeborenes Gefühl, welches aus dem Bauch heraus kommt und welches für sprichwörtlich im Bauch fühlen steht! Empfinden wir bei einer Handlung ein ungutes angespanntes Gefühl im Bauch, dann sollten wir damit aufhören. Empfinden wir hingegen ein wohltuendes Gefühl im Bauch, dann ist die Entscheidung in unserer Situation für uns gut - wir haben ein gutes Bauchgefühl! (5)
Da sind wir wieder bei den Kindern, die bis zu einem gewissen Alter genau dieses Gespür noch haben. Sie fühlen intuitiv, wenn die Eltern schlecht drauf sind oder wer es gut mit ihnen meint, haben ein Gespür für die Umwelt. Wissenschaftler um Frau Feddersen Petersen haben sogar herausgefunden, dass Kinder im Kindergartenalter die Mimik von Hunden besser deuten können, als Kinder, die schon in die Schule gehen. (3)
Was passiert in der Zwischenzeit? Die Kinder werden nach westlichem Standard erzogen. Gefühle werden ignoriert und neu definiert, über Verleugnung, Anpassung an die Meinung anderer bis hin zum Umlernen über das Belohnungsprinzip. (4) Wenn Kinder beispielsweise merken, dass es einem Elternteil schlecht geht, dann wird dies von den Eltern geleugnet. Das miserable Gewissen der Eltern wird schnell mit einer Belohnung für das Kind wieder gut gemacht, fertig ist die Gefühlsmanipulation. Das Kind lernt somit, auf Gefühle zu hören lohnt sich nicht. Die Belohnung gibt es, wenn man auf andere hört, auch wenn es eine Lüge ist. Damit wird dem Kind die Chance genommen, eigene soziale Kompetenzen zu entwickeln.

Das soziale Lernen wird durch die eigentlichen Lehrer sprichwörtlich ausgehebelt!

Die Wissenschaft hat schon lange beweisen, dass auch Hunde sozial lernen. Den Hunden haben ihre Vorfahren, die Wölfe, genau dieses Erbe mit in die Wiege gelegt – denn es ist Grundvoraussetzung für das Wachsen und Überleben in Familien.

Hunde sind wesentlich intuitiver als Menschen.

Es ist ihnen angeboren, neben der Stimmung von Artgenossen auch unsere Stimmungen und Gefühle zu erkennen, selbst zu spüren und darauf zu reagieren. Das ist die Folge einer über Jahrtausende anhaltenden einzigartigen Partnerschaft zwischen Mensch und Hund.

Dein Hund lernt durch Deine Stimmungen und Gefühle, welche Menschen Du magst und welche eben nicht, ob Du gerne im Regen läufst, was Dich glücklich macht! Dein Hund hat im Laufe Eures Zusammenlebens gelernt, wie es sich anfühlt, wenn es Dir mal nicht so gut geht, wenn Du Probleme hast und er reagiert darauf! Manchmal kannst Du am Verhalten Deines Hundes erkennen, dass etwas nicht gut für Dich ist, noch eher, als Du selbst es merkst!

Deine Gefühle und Deine Gedanken beeinflussen das Verhalten Deines Hundes.
Hinterfrage ungewöhnliches Verhalten Deines Hundes immer zuerst bei Dir selbst - ehrlich und kritisch!


Du vermittelst Deinem Hund durch Deine soziale Einstellung welche Werte Du lebst! Umso mehr Du Dich sozial kompetent und selbstbewusst durch das Leben bewegst umso mehr wird bei Deinem Hund diese Kompetenz gefördert und gefestigt! Bist Du ein glücklicher zufriedener Mensch so wird auch Dein Hund glücklich und zufrieden sein.

Fakt ist: heute sind die wenigsten Menschen wirklich zufrieden. Instabile Familienverhältnisse, die Sorge um Arbeitsplatz und Zukunft sowie der Rückzug in mediale Welten geben wenig Raum für Glück und Zufriedenheit. Dazu kommt eine weit verbreitete Gefühlsheuchelei sich selbst und anderen gegenüber.
Die Hunde zeigen die menschlichen Unzulänglichkeiten der heutigen Zeit in ihrem Verhalten. Dieses zumeist andere, unerwünschte oder seltsame Verhalten wird dann den Hunden allein zugeschrieben! Er funktioniert nicht wie gewünscht! Die emotionale Verbindung mit der Gefühlswelt des Menschen wird ignoriert. Damit belügt der Mensch nicht nur den Hund sondern auch sich selbst!
Durch Trainings, entweder mit Hilfe von Strafen, wie diverse Erziehungshalsbänder, Wasserflaschen oder noch schlimmer oder mit der so genannten positiven Verstärkung mittels Belohnungen, soll das Verhalten des Hundes wieder in Ordnung gebracht werden! Als gute Methoden angepriesen fallen (hilfesuchende) Menschen haufenweise auf diese Lüge der Hundetrainer herein!
(über die Methoden in der Hundeerziehung habe ich hier bereits ausführlich geschrieben!)

Die Manipulation der Gefühlswelt eines Hundes, ob über Strafe oder Belohnung, ist seelische Folter!

Für über Gefühle kommunizierende Tiere wie den Hund ist dieser Seelentrip im höchsten Maße schmerzhaft und verunsichernd! Der Hund verliert seine Intuition, seine Selbstständigkeit, sein Vertrauen in den Sozialpartner Mensch und somit seine enge soziale Verbundenheit zu seinem Menschen! Er verliert seine soziale Kompetenz!  Er resigniert, fügt sich und er funktioniert nur noch!

Lass es bitte niemals soweit kommen!

Das soziale Lernen Deines Hundes hält Dir einen Spiegel vor!
Wenn Du hineinsiehst, dann erkennst Du Dich, Deine Stärken und Deine Schwächen!

So zu Lernen ist keine Einbahnstraße! Es ermöglicht Dir gleich Deinem Hund Deine Kompetenzen zu erweitern, sich sozialer Werte zu erinnern und Deinen Blickwinkel zu ändern! Du musst es nur wollen!

Der Hund vermag dem Menschen zu lehren, ein besserer Mensch zu sein!
Er lehrt Dich Liebe, Geduld, Vertrauen, Respekt ...

Nutze diese einzigartige Gelegenheit! Du wirst Hier und Jetzt nur wenige Menschen finden, die Dich dasselbe lehren können!
Dein Hund hingegen erfährt beinahe alles, was er für ein Leben in Deiner Familie benötigt! In der heutigen schnelllebigen Zeit hat er damit allerhand zu tun!

Quellen:

1- Dr. Adam Miklosi: "Hunde" Kosmos-Verlag
2- Professor Manfred Spitzer, BR Mediathek, Geist & Hirn: „Problem Belohnung“ (http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/geist-und-gehirn/geist-gehirn-belohnung100.html#)
3- Feddersen-Petersen : „Ausdrucksverhalten beim Hund“, Kosmos-Verlag, Seminar: Was ist das, der Haushund? - Düsseldorf, 21. 09.2013
4- Professor Gerald Hüther: Denkwerkzukunft, „Könnten wir anders sein? Ist eine mentale Umprägung möglich?“ (Videodokumentation https://www.youtube.com/watch?v=7UZoF56D4MY)
5- Radiosendung der Pfotenpenne: "Intuitives Fühlen und Handeln - Was in uns steckt!"

Meine größten Quellen sind meine Hunde, jahrelange Erfahrungen, mein Herz und mein Verstand!

28.03.2016, Kathrin Richter