Berechtigtes
Vertrauen ...


 Nachdenken, Verändern, Leben
 Für Dich und Deinen Hund!

 

Ein Gastbeitrag von einer lieben Freundin

Berechtigtes Vertrauen

Nur selten suchen wir uns die Hunde, die zu uns kommen selbst aus. Meist fragen befreundete Tierschützer an, ob wir noch ein Plätzchen frei haben.
Bei Lycos, der damals noch Silvio hieß, war es jedoch etwas anders.
Wir hatten noch einen Platz frei, da überraschenderweise einer unserer Gäste seine Familie schneller gefunden hatte als wir erhofft hatten und so ergab es sich, dass mein Lebensgefährte mir ein Foto unter die Nase hielt, auf dem ein großer, grauer schäferartigen Rüde, der auf dem Dach seiner schäbigen Holzhütte lag, zu sehen war.
„Cirka 5 Jahre alt, seit Welpenzeit im Tierheim, verträglich mit anderen Hunden“ stand da zu lesen und trotzdem saß er in seinem maximal 3 qm großen Zwinger allein in Einzelhaft.

„Den nehmen wir“.

So zog Silvio, der schon am ersten Tag aufgrund seines wolfsähnlichen Aussehens den Namen Lycos erhielt, bei uns ein.
Obwohl Lycos´ Beine von Narben überseht waren und er am rechten Hinterbein hinkte, ein typisches Andenken an Auseinandersetzungen mit Artgenossen im überfüllten Tierheim, zeigte er sich bei uns vom ersten Tag an mit unseren anderen Hunden verträglich.
Im Gegenteil! Er strahlte eine fast aristokratische Ruhe aus, die ihn vom Rest unseres Pöbels abhob. Uns Menschen begegnete er mit höflicher Distanziertheit, aber gebührlichen Respekt. Und so nahmen wir ihn, entgegen unserer sonstigen Gewohnheit bereits sehr früh auf Spaziergänge mit.

Und beim 2. Spaziergang passierte es dann, das was eigentlich nie passieren dürfte, ... das was nur anderen passiert und mir niemals.

Nein, mir rutschte nicht die Leine aus der Hand. Lycos schlüpfte auch nicht aus seinem Geschirr, aber der Karabiner der Leine brach und ich stand da....das eine Ende der Leine in der Hand, das andere lose am Boden liegend.

"Atmen!" dachte ich, "Atmen!"
"Vielleicht merkt er es ja nicht. "
Tja, Hunde sind nicht blöd, und Lycos auf keinen Fall.
„Lycos mein Schatz“, flüsterte ich während ich verzweifelt nach dem Geschirr grapschte. Aber Lycos hielt mich auf Distanz, 2 m mindesten, keine Chance für mich das Geschirr zu fassen. Den 2. Hund hinter mir im Schlepptau. Stehen bleiben, umdrehen, zurückgehen,
Und während Lycos schneller wurde, die frisch gewonnene Freiheit des Waldes genießend, ging mir nicht nur die Puste aus, sondern der Stein im Magen wurde immer schwerer. Die Panik immer größer, mein Rufen immer lauter ... solange bis er zwischen den Bäumen verschwand.
Ihm folgen? Mein Herz schrie :“lauf“, mein Verstand sagte: „das war´s“ und mein herzkranker Amerikan. Stafford Shorty neben mir pfiff schon aus allen Löchern.
Also umdrehen, den alten Shorty zum Auto bringen und versorgen und dann wieder kommen und suchen. Ja suchen, aber wo? Wo sucht man einen wolfsähnlichen grauen Hund, der erst 3 Tage bei uns ist und weder uns noch seinen Namen kennt.
Als ich mich auf den ca. 40 minütigen Rückweg machte, war ich mir siche, Lycos nie wieder zu sehen.
Würde er verhungern oder würde ihn ein Jäger erschießen? Meine Schuld war es, ganz allein meine Schuld.

Die Augen blind vor Tränen, die Beine schwer wie Blei, hielt ich mich selbst an meinem Versprechen fest: „Ich komme zurück“, aber Shorty musste sich ausruhen. Und dann ca 500 m vor dem Auto, plötzlich neben mir ….. wie aus dem Nichts, ein großer grauer Hund 2m neben mir, als ob er nie weg gewesen wäre.

Und während meine Hand wieder ins Leere griff, ermahnte ich mich selbst zur Ruhe. Nur wer es schon einmal erlebt hat, weiß was man in diesem Moment fühlt.

Beim Auto angekommen, hob ich den alten Shorty ins Auto, versorgte ihn mit Decke und Wasser, den neben mir schnüffelnden Lycos nicht aus den Augen lassend. Konstant hielt der Ausgebüchste seine 2-3 m Distanz ein. Bei jeder Bewegung in seine Richtung wich er aus, während keine 20 m neben uns die Straße war.
Ich setzte mich ins Gras, den Rücken ans Auto gelehnt, denn im Stehen kommt man nicht zur Ruhe, kann die panischen Gedanken nicht aus seinem Kopf verbannen ... und er kam, ich spürte sein struppiges Fell in meinem Gesicht. Nie werde ich das Gefühl des Stoffes zwischen meinen Finger vergessen, als ich ihn zu fassen bekam. Sein Fell in das ich hinein heulte und ihm tausend mal dafür dankte, dass er mir gefolgt war.
Für Nichts in der Welt hätte ich ihn wieder losgelassen. Ich hatte nicht mehr daran geglaubt ihn lebend zu sehen.
Nach nur 3 Tagen bei uns hatte er mir das größte Geschenk gemacht: er hatte sich entschieden bei uns zu bleiben, als er die Wahl hatte. Ein Hund, der die rumänische Hölle überlebte und sich selbst treu geblieben war, eine Persönlichkeit, wie ich sie nie zuvor erleben durfte. Ein Band, dass wir beide in nur 3 Tagen knüpften und das trotzdem stark genug war. Ein Geschenk, das ich bekommen habe, ohne es zu erwarten ….. und das ich den Rest unseres gemeinsamen Lebens achten werde.

Vertrauen entsteht Zug um Zug und wie so oft gehen Hunde uns gegenüber in Vorleistung. Sie geben, bevor sie noch etwas erhalten haben. Lycos hat den ersten Schritt getan, er hat sich für uns entschieden …… jetzt liegt es an uns Menschen, diesem Vertrauen gerecht zu werden.

 15.11.2017, Andrea Krauskopf