Der ganz normale...

 
Erlebt, nachgedacht und aufgeschrieben -
für den Hund und seine Menschen!


 

Der ganz normale Wahnsinn

Als moderner hundeinteressierter Mensch tauscht man sich heute über die sozialen Medien mit (virtuellen) Hundefreunden oder /und in hundeaffinen Gruppen aus. Meine Intentionen für derartige Kontakte gelten in erster Linie der Wahrnehmung und Beobachtung von Entwicklungen der Mensch-Hund-Beziehung in verschiedensten Bereichen.
Die Hoffnung, dass die heutige Hundewelt sich ein stückweit zum Guten für den Hund durch die Hand ihrer Menschen wendet, habe ich noch nicht ganz aufgegeben.


So pflege ich auch heute meine Kontakte, checke Nachrichten und Posts.
So manche Äußerung und Nachfrage nach Hundeerziehungstipps finden nur mit Kopfschütteln den Weg an mir vorbei..
Sich darüber Gedanken zu machen und etwas dazu schreiben ist wertvolle Zeit, die sich zumeist als vergeudet herausstellt.
Die Masse der Tippsucher ist auf schnelle Lösungen und Hilfsmittel aus und die findet man in den weiteren Kommentaren zu Genüge! Zu alles und jedem einen Kommentar abzugeben ist Inn und erzeugt eins: Aufmerksamkeit für den Kommentator! Die Hunde hingegen werden zu Versuchsobjekten, an denen dann der Tippsucher die schnellen Lösungen ausprobiert.
Wohl durchdachte Antworten dagegen, die darauf hinweisen, dass Hundeverhalten eng an das Verhalten seiner Menschen gebunden ist und die Lösung des vermeintlichen Problems letztendlich beim Menschen selbst liegt, werden schnell überlesen. Auf eine Auseinandersetzung mit sich selbst sind nur wenige erpicht, schließlich geht es um den Hund und wenn der ein bestimmtes Verhalten an den Tag legt, liege die Schuld allein bei ihm – so die allgemeine Ansicht - leider!
Da macht die Dummheit vieler Hundemenschen leider noch nicht halt. So fallen mir auch häufig selbst darstellerische Beiträge von Hundetrainern auf, in denen sie sich und ihre Meinung zu ihrer Umwelt verkünden und mit Eigenlob wenig sparsam umgehen. Die Zustimmung der Freunde/Kunden ist ihnen sicher, kritische Antworten werden gelöscht oder totdiskutiert.
Mir läuft es jedes Mal kalt den Rücken runter, wenn ich daran denke, dass diese Menschen als Hundetrainer arbeiten.
Nicht immer gelingt es mir, die Finger still zu halten und ich versuche mit einer Antwort sachlich zu argumentieren - zu meinem Selbstschutz gewöhne ich mir auch das Stück für Stück ab. Denn selbst bei einer sachlichen Betrachtung wird hineininterpretiert, Zusammenhänge auseinandergerissen, Kritik ignoriert oder abgewürgt und letztendlich wird die Antwort so hingedreht, dass sie wieder ins Freundeskonzept passt.!
Diskussionskultur ade!

Manche Posts erregen heute dann doch meine nähere Aufmerksamkeit, in die eine oder andere Richtung.

Eine entfachte Diskussion über die eventuelle Identität der „Rasse Retromops oder Barrockmops“ läßt mich ganz automatisch
„OH MEIN GOTT!“
in die Antwortzeile schreiben.
Hinsichtlich manch zartbesaiteter Mopsliebhaberseele lösche ich die Zeile wieder.
Ich frage mich, ob ich das jetzt wissen muss, schaue auf meine Dackel und Schäferhunde – Barrockdackel, Retroschäferhund?
Sind wir tatsächlich schon so weit, Hunderassen namentlich unter „Retro“ zu führen um an ihre Ursprünglichkeit, an früheres Aussehen, zu erinnern oder hört es sich einfach nur schicker an und erregt Aufmerksamkeit?
Gedankenkarussel … abgeschaltet.

Ich scrolle weiter …

Lese: Eine Hündin, einen Tag in einer neuen Familie, hat Verlassensängste. Wenn sie die nicht innerhalb einer Woche ablegt, muss sie wieder zurück. Das würde der Familie das Herz brechen!
Die Antworten: Es sind gute dabei, die an die Familie appellieren, dem Hund Zeit zu lassen und sich selbst Zeit zu nehmen, eine Woche würde da nicht reichen und die das Ganze gar verständlich erklären.

Andere Leute beschreiben, was ihr Hund alles kaputt gemacht hat, als er diese Ängste hatte und wieder andere bieten die schnellen Lösungen – Box, Training … - die sinnvollen Antworten gehen in einem Wust von scheinbar guten Ratschlägen unter.
Auch ich schreibe eine Antwort, hoffe auf Gehör, weise auf die Verantwortung hin, die man mit einer Adoption übernimmt, erinnere daran, dass die Kleine gerade ihr zu Hause verloren hat und nun Vertrauen benötigt und die Liebe und die Geduld von ihren neuen Menschen!
Wenig später steht geschrieben, der Hund sei gerade wieder zurück in sein altes zu Hause.
Als wenn dies nicht schon der Höhepunkt des ganzen Debakels wäre, erscheinen noch Kommentare, dass es dann wohl nicht der richtige Hund gewesen wäre.
Mir fehlen die Worte!
Wem wurde hier gerade das Herz gebrochen?

Derartige Anfragen und Posts zur Trennungsangst lese ich derzeit öfter (I?) und ich bin jedes Mal mehr erschrocken, was die Menschen dagegen zu tun gedenken, ausprobiert haben und was ihnen geraten wird.
Sorry, diese Menschen, die es einfach nicht kapieren wollen, gehören für mind. eine Woche isoliert von Familie, Freunde und sämtlichen Sozialkontakten und danach sollten sie am eigenen Leib spüren, welche Ängste allein die Aussicht auf ein Wieder-Allein-Gelassen-Werden bei Ihnen auslöst ... vielleicht würden sie dann endlich mal schnallen, wie es ihren Hunden geht!

Eine Freundin schickt mir ein Video von einem Neuankömmling in ihrer Familie! Es ist ein halbwüchsiger KuschelWuschel, der im Video von den hündischen Familienmitgliedern gerade beäugt wird und dem das Laufen offensichtlich schwer fällt. Sie schreibt dazu, dass der ca. 6 Monate alte Hund im Straßengraben gefunden wurde, extrem unterernährt. Er hat nie richtig laufen gelernt, keine Kraft, wenig entwickelte Sehnen und Muskeln ... . Ihm wurde ein Ohr abgeschnitten und er weint und schreit, wenn seine neue Familie den Raum verläßt.

Heulend mache ich den Computer aus.
Ich drücke meine Hunde, ich habe Euch lieb! In Gedanken schicke ich gleiche Worte zum KuschelWuschel und der Kleinen mit dem gebrochenen Herzen.

Meine Hoffnung, dass die heutige Hundewelt sich ein stückweit zum Guten für den Hund wendet, wird einmal mehr getrübt durch die Dummheit und Grausamkeit der Menschen – dem ganz normalen Wahnsinn unserer Zeit

12.01.2017, Kathrin Richter